Organspende Eine Spende sollte nicht selbstverständlich sein.
Organspende ist ein wichtiges Thema, das jeden Menschen betreffen kann.
Jeden Tag warten Menschen auf ein Spenderorgan. Für manche ist eine Transplantation die einzige Möglichkeit, weiterzuleben. Deshalb halte ich es grundsätzlich für richtig und wichtig, dass wir als Gesellschaft über Organspende sprechen und mehr Menschen dazu bewegen, sich zu Lebzeiten mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Aber genau hier beginnt für mich die Frage:
Warum erwarten wir von Menschen eine derart große und endgültige Entscheidung, appellieren an ihre Moral und Hilfsbereitschaft und sprechen gleichzeitig kaum darüber, was die Gesellschaft dem Spender und seinen Angehörigen dafür zurückgibt?
Seit Jahrzehnten wird für Organspende geworben. Es wird an unsere Menschlichkeit, Solidarität und Hilfsbereitschaft appelliert. Trotzdem bleibt die Zahl der Spender hinter dem zurück, was benötigt wird.
Warum ist das so?
Vielleicht sollten wir endlich aufhören, ausschließlich darüber zu sprechen, was wir von Menschen erwarten, und stattdessen auch darüber nachdenken, was wir ihnen als Gesellschaft zurückgeben können.
Organspende muss nicht käuflich sein aber sie sollte anerkannt werden
Ich möchte Organspende nicht zu einem Geschäft machen. Es geht mir nicht darum, einen Menschen oder seine Organe zu „bezahlen“.
Mir geht es um Anerkennung, Unterstützung und Würde.
Warum könnte ein zukünftiges Transplantationsgesetz beispielsweise nicht vorsehen, dass Menschen, die sich zu einer Organspende entschließen, beziehungsweise deren Hinterbliebene bestimmte Leistungen erhalten?
Zum Beispiel:
* eine ehrenvolle und vollständig oder teilweise finanzierte Bestattung, wenn die Familie dies wünscht.
* eine mögliche Aufstockung der Witwen- oder Witwerrente.
* Unterstützung bei den Kosten, die für die Familie durch den Verlust entstehen.
* eine offizielle und würdige Anerkennung der Entscheidung des Spenders.
Auch über den Umgang zwischen Spender und Empfänger sollte man meiner Meinung nach darüber nachdenken.
Warum muss die Anonymität zwingend für immer bestehen bleiben?
Natürlich müssen Datenschutz und der Schutz beider Seiten gewährleistet sein. Aber wenn beide Seiten es ausdrücklich wünschen, könnte man nach einer gewissen Frist eine Kontaktaufnahme ermöglichen.
Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass ein Empfänger sofern er dies möchte jährlich an den Spender beziehungsweise dessen Grabstätte erinnert wird. Eine Blume, ein Brief oder ein persönlicher Besuch könnten eine Möglichkeit sein, diese außergewöhnliche Tat zu würdigen.
Denn eines darf niemals passieren:
Dass ein Mensch, der nach seinem Tod anderen Menschen das Leben ermöglicht hat, das mit ca. 14 Organen einfach vergessen wird.
Ich spreche aus eigener Erfahrung
Ich selbst habe bereits Knochenmark gespendet.
Es war für mich ein schönes Gefühl zu wissen, dass ic einem anderen Menschen helfen konnte.
Gleichzeitig habe ich aber auch erfahren, wie sich Anonymität anfühlen kann.
Ich bekam damals lediglich die Information, dass es sich um eine Mutter aus Amerika handelt, die dringend meine Spende benötigt. Die Übereinstimmung lag bei etwa 70 Prozent.
Ich wusste nicht, ob meine Spende tatsächlich geholfen hatte.
Ich wollte mich damit nicht einfach zufriedengeben. Deshalb habe ich einen Brief geschrieben, mich vorgestellt und meine Geschichte erzählt. Dieser Brief durfte nach Ablauf der vorgeschriebenen Frist an die Empfängerin weitergegeben werden.
Erst nach zwei Jahren hätte wenn beide Seiten damit einverstanden gewesen wären ein Austausch der Kontaktdaten stattfinden können. Ich war damit einverstanden.
Doch dazu kam es nicht.
Nach zwei Jahren erhielt ich die Nachricht, dass die Frau verstorben war.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass eine Spende nicht nur eine medizinische Angelegenheit ist. Dahinter stehen Menschen, Familien, Hoffnungen, Ängste und auch die Frage, was aus der eigenen Hilfe geworden ist.
Warum darf die Gesellschaft nicht auch etwas zurückgeben?
Ich finde es schwierig, wenn der Staat und die Gesellschaft immer wieder an die Bürger appellieren, zu helfen, zu verzichten und solidarisch zu sein.
Es wird gefordert, erhöht, gestrichen und eingespart.
Aber wenn es darum geht, etwas freiwillig und aus tiefster Überzeugung zu geben nämlich nach dem Tod Organe zu spenden, dann wird plötzlich hauptsächlich auf die moralische Verpflichtung des Einzelnen gesetzt.
Warum eigentlich?
Ich bin bereit zu helfen. Ich bin bereit zu spenden.
Aber ich möchte nicht, dass Organspende ausschließlich nach dem Prinzip funktioniert:
„Du gibst und die Gesellschaft/ Staat nimmt dankend an.“
Ich möchte ein System, in dem beide Seiten berücksichtigt werden.
Nicht als Kaufgeschäft.
Nicht als Handel mit Organen.
Sondern als gesellschaftliche Anerkennung einer außergewöhnlichen menschlichen Entscheidung.
Wir sollten das Transplantationsgesetz weiterentwickeln
Ich glaube, dass wir mit einem solchen Ansatz viele Menschen erreichen könnten, die heute zwar grundsätzlich bereit wären zu helfen, sich aber mit dem derzeitigen System nicht identifizieren können.
Eine solche Veränderung könnte sogar wirtschaftliche Auswirkungen haben. Bestatter, Steinmetze, Blumenhändler und andere Bereiche könnten davon profitieren. Vor allem aber würde die Gesellschaft ein deutliches Zeichen setzen:
Wir sehen deine Entscheidung. Wir schätzen deine Hilfe. Und wir vergessen dich nicht.
Ich wäre einer der Ersten, der sich an einem solchen System beteiligen würde.
Ich möchte deshalb meine Sichtweise nicht einfach nur äußern, sondern die Diskussion darüber weiterführen und vorantreiben.
Vielleicht bin ich mit diesem Gedanken nicht alleine.
Vielleicht sollten wir gemeinsam darüber sprechen, wie ein modernes Transplantationsgesetz aussehen könnte, das nicht nur die Interessen der Empfänger, sondern auch die Würde, Anerkennung und die Interessen der Spender und ihrer Familien berücksichtigt.
Denn Organspende kann Leben retten.
Aber diejenigen, die diese Entscheidung treffen, sollten dafür nicht nur moralisch gelobt, sondern auch gesellschaftlich gewürdigt und unterstützt werden.